E. H. In seinem Werk «Der Archipel Gulag» berichtet Alexander Solschenizyn über einen Mitgefangenen im kasachischen Lager Ekibastus: «Mir fällt auf, dass ein junger Mann häufig nach mir und meinem Buch schielt, aber es nicht wagt, mich anzusprechen. Er ist schmächtig und hochaufgeschossen, mit einer langen Nase, und wirkt ganz unlagerhaft wohlerzogen, sogar schüchtern. Schliesslich machen wir uns bekannt. Er spricht leise, gehemmt, sucht mühsam nach russischen Wörtern und macht urkomische Fehler, die er im selben Augenblick mit einem Lächeln ausgleicht. Er ist, wie sich herausstellt, Ungar und heisst János Rózsás. [...] Er ist erst fünfundzwanzig Jahre alt, aber auf seinen Wangen ist keine jugendliche Röte; man hat den Eindruck, dass die dünne, vom Wind ausgetrocknete Haut direkt über die schmalen, länglichen Schädelknochen gespannt ist. Er hat heftige Gelenkschmerzen, vom Rheumatismus, den er sich im Norden beim Holzfällen geholt hat. Hier im Lager kennt er noch zwei, drei Landsleute, aber sie haben den ganzen Tag nur eines im Kopf: wie sich durchbringen? wie sich satt essen? János verzehrt widerspruchlos, was ihm der Brigadier zuteilt, und obwohl er halb hungrig bleibt, versagt er sich andere Quellen. Er beobachtet, horcht, er möchte verstehen. Was verstehen? ... Uns möchte er verstehen, uns Russen! [...] Als ihn die Unseren 1944 in Ungarn schnappten, war er achtzehn Jahre alt (und noch nicht in der Armee). ‹Ich war damals noch zu kurz auf der Welt, um den Menschen Gutes oder Böses zu tun›, sagt er lächelnd. ‹Von mir hatten sie weder Nutzen noch Schaden› Das Verfahren spielte sich so ab: Der Untersuchungsbeamte verstand kein Wort Ungarisch, János kein Wort Russisch. [...] János unterschrieb sechzehn Seiten Protokoll, ohne zu verstehen, was drin stand. Und als ihm ein unbekannter Offizier etwas von einem Blatt Papier vorlas, begriff er lange nicht, dass es das OSO-Urteil war. - Man verschickte ihn in den Norden, zum Holzfällen, er stand es nicht durch und kam ins Lazarett.»
Nicht zuletzt sind diese mit fast photographischem Gedächtnis festgehaltenen Erinnerungen auch so etwas wie ein Entwicklungsroman, in dem wir verfolgen können, wie der verlorene Junge zu jenem Mann wird, der alles und alle nach den eigenen ethischen Normen bewertet, der unter allen Umständen, auch am Rande des Todes, nur auf sein Gewissen hört, den eigenen Weg geht und schliesslich zum Schriftsteller reift. Allmählich gewinnt er das russische Volk, dessen Sprache und Literatur lieb. Solschenizyn, von dem er wiederholt erzählt, hat ihn von Anfang an beeindruckt:
«An Wintertagen, als es früh dunkel wurde, hörten wir ziemlich früh mit der Arbeit auf dem kalten Hof auf, und ich eilte in die Eisengiesserei, wo es schön warm war. Meist ging die Arbeit zu dieser Zeit auch dort zu Ende. Wir setzten uns mit Solschenizyn auf die Bank an der Wand. Ich beantwortete seine Fragen und lauschte seinen unermüdlichen Erklärungen, seinen Antworten auf meine unzähligen Fragen
Wie ich mich jetzt zurückerinnere, sprach er nie von sich, von seiner Kinder- oder Jugendzeit, auch nicht von seinen früheren Gefängnis- und Lagererlebnissen. Es war ohnehin weder üblich noch schicklich, jemand über seine Vergangenheit und vor allem über die Umstände seiner Verurteilung auszufragen, wenn er sie nicht von sich aus erzählte. Solschenizyn war in dieser Hinsicht sehr verschlossen. [...] Ich hätte nie gedacht, dass im stets ausserordentlich höflichen, hilfreichen und immer lächelnden Solschenizyn so viel Entschlossenheit, so viel prophetisches Sendungsbewusstsein lebte, wie es sich in späteren Jahren herausstellen sollte.
Sascha machte mich mit russischen Dichtern und Schriftstellern bekannt, deren Werke zu jener Zeit nicht veröffentlicht wurden. Von Sergei Jessenin sprach er mit der grössten Begeisterung, er schrieb für mich mehrere seiner Gedichte aus dem Gedächtnis nieder und rezitierte sie auch. Neben Jessenin galt seine unbegrenzte Bewunderung Alexander Blok, dessen Gedichte er ebenfalls aus dem Gedächtnis zitierte. Ich vernahm staunend die Namen dieser Dichter, von denen ich noch nie gehört hatte. Ihre Wirkung war im jungen Sowjetrussland der zwanziger Jahre ausserordentlich gewesen, und ich, der ich wo immer möglich die russische Literatur studierte, hatte ihre Namen in keinem einzigen Buch gesehen.
Es bleibt zu hoffen, dass im Zeitalter von «Glasnost» und «Perestroika» das faszinierende menschliche Dokument, das János Rózsás' Tagebuch darstellt, sowohl in Ungarn als auch in der Sowjetunion (wo es noch heute auf die Spur von vielen vielleicht Verschollenen führen dürfte) bald erscheinen kann. Aber auch eine deutsche Übersetzung wünschte man diesem wertvollen Zeugnis, dem Zeugnis nicht nur einer Zeit, sondern auch eines Weges, das Räderwerk der Unmenschlichkeit durch Menschlichkeit zu überwinden. Das Jahrzehnt in der Hölle, aber auch die Möglichkeit, selbst unter solchen Umständen zum geistigen Menschen zu werden, wird auf diesen bewegenden Seiten miterlebbar.
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