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Unsere eigene Geschichte

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László

László

 

Mein Name ist László Rózsás, und ich wurde 1957 in Südwestungarn, in der Stadt Nagykanizsa geboren, als zweiter Sohn meines aus der sowjetischen Gefangenschaft damals erst vor 4 Jahren heimgekehrten Vaters.
Meine Eltern waren Katholiken, und da mein Vater seine 9jährigen Leidensproben in der Sowjetunion durch sein Gottvertrauen durchgestanden hatte, nahmen sie die Religion ernst. Auch ich wurde, als ich aufgewachsen war, vorerst ein überzeugter Katholik.
So passten wir aber in die damalige ungarische Gesellschaft nicht recht hinein. Unsere eigene Situation wurde noch dadurch verschärft, dass mein Vater zu direkter Zielscheibe der im Land Herrschenden geworden ist.

 

Er war in seinen letzten 3 Jahren in der Sowjetunion in Ekibastus mit dem späteren russischen Schriftsteller und Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn zusammen in einem Arbeitslager. Sie hatten sich dort, als Literatur liebende, befreundet, worüber auch Solschenizyn in seinen später entstandenen Werken berichtet. Mein Vater hat auch zu Hause in Ungarn russische Zeitschriften gelesen, und er las 1962 verblüfft darüber, dass eine Erzählung seines früheren Freundes in der Sowjetunion erschienen war. Ihr Titel lautete: Ein Tag des Iwan Denissowitsch, und sie spielt in dem selben Arbeitslager, wo sie zusammen waren, wie es sich später herausgestellt hatte. Er hat die Adresse von Solschenizyn nach anderthalbmonatigem Grübeln schließlich vom Zeitungsverlag erbeten und auch erhalten, und hat ihm dann geschrieben. Bald bekam er Antwort von Solschenizyn, mit einem durch ihn dedizierten Exemplar seiner Erzählung.

 

Solschenizyn

 

Ein von Solschenizyn meinem Vater geschicktes Foto,
mit seinem persönlichen Gruß auf der Rückseite.
Danach wechselten sie regelmäßig Briefe miteinander. Auch mein Vater hatte die Geschichte seiner 9 Jahre gleich nach seiner Heimkehr niedergeschrieben, was aber geheimgehalten werden musste. Ende der 60-er aber, als Solschenizyn zu Hause immer mehr in Ungnade gefallen war, bis man ihn schließlich 1974 aus der Sowjetunion verwiesen hatte, wuchs der Druck auch auf unserer Familie. Man wollte ja die ganze Gulag-Geschichte den jüngeren Generationen um jeden Preis verheimlichen. Gulag-Überlebende waren von vornherein missliebig und beobachtet, eine Beziehung zu Solschenizyn machte aber das Maß voll.

 

(Bei ihrer Heimkehr 1953 wollte die damalige stalinistische Regime in Ungarn sie gar nicht ins Land lassen, und mussten die Zuständigen noch in der Sowjetunion nach Ländern Ausschau halten, welche denn bereit wären, diese "Faschisten" anzunehmen. Schweden und die Türkei zeigten sich bereit, und die Leute mussten schon angeben, welches Land sie erwählen würden, als die Sowjets doch Druck auf die ungarische Führung ausgeübt haben, um diese Leute heimzulassen. Ihr Empfang durch die heimischen Behörden war dann auch dementsprechend.)

Nach dem Abschluss einer landwirtschaftlichen Mittelschule und nachdem ich weder weiter studieren, noch in der Landwirtschaft eine Stelle finden konnte, arbeitete ich zuerst einige Jahre in verschiedenen Fabriken in meiner Geburtsstadt, dann zog ich 1978 in die Hauptstadt, nach Budapest. Ich wohnte in verschiedenen Arbeiterheimen oder in gemieteten Zimmern (für mehr reichte ein Monatsgehalt nicht aus) und arbeitete bei der U-Bahn als Hilfsfahrer. Nach etwa zwei Jahren in Budapest, 23jährig, kam ich endgültig zu dem Entschluss, das ganze Land verlassen zu wollen. Nach vielem Überlegen und Zögern entschloss ich mich endlich, nicht weiter zu zögern, sondern alles daran zu setzen, ins westliche Ausland zu flüchten. Solche Sprünge in die Finsternis waren allerdings mit manchen Risiken verbunden, welche noch im eigenen Land ihren Anfang nahmen.

 

Vor der Abreise

 

Mit meinen Eltern in Budapest einige Monate vor
meiner Abreise in 1981
Ich meldete mich im April 1981 in einem Reisebüro auf eine dreitägige Reise im Oktober nach München an. Danach versuchte ich mich in den nächsten 6 Monaten bestmöglich vorzubereiten. Es hat mir gelungen, mein Vorhaben vor meinen Kollegen und Bekannten geheim zu halten, doch wie sich die Zeit des Abflugs näherte, so wuchs die Unruhe in mir.

 

Als ich an einem Nachmittag in Budapest in einer menschenleeren Gegend im spätsommerlichen Sonnenschein einen Spaziergang gemacht hatte und beklommen an die bevorstehenden schweren und alles entscheidenden Momente dachte, sagte Gott auf einmal zu mir: "Komm zu mir, und ich werde dir helfen!" Ich antwortete gleich: "Gut, aber wie ich mich selbst kenne, ich würde mich von dir eventuell bald wieder entfernen." Da wiederholte er noch einmal: "Komm zu mir, und ich helfe dir!" Meine Reaktion hierauf war, dass ich zur Stelle bei mir beschlossen hatte, das kleine Neue Testament, das ich noch von meinem Vater geschenkt bekommen hatte, sofort anzufangen zu lesen. Ich hatte schon seit Jahren das Büchlein immer dabei gehabt, aber noch nie darin gelesen.

 

Ich habe dann das Neue Testament, wie vorgehabt, zu lesen angefangen, und kam darin stockend vorwärts. Vieles habe ich darin nicht verstanden, oder mit meiner Religion nicht in Einklang bringen können. Nach einiger Zeit merkte ich, dass ich innerlich gestärkt wurde, und anfangs dachte ich, weil ich weiß, dass ich bald da wegkomme, fühle ich mich gleich besser und erleichterter. Mit der Zeit aber erkannte ich, dass eben die Worte des Evangeliums in mir diese Änderung bewirkt hatten, und ich war hoch erfreut über diese Entdeckung. Ich habe mich fest entschlossen, davon nicht mehr abzulassen.

 

Ich wollte mein ursprüngliches Vorhaben von mir aus nicht mehr ändern, ich legte aber die ganze Angelegenheit meiner Flucht in die Hände Gottes nieder mit der Bereitschaft, zu akzeptieren, was er immer will. Wenn er nun will, dass ich bleibe, dann klappt mein Versuch nicht, wenn er es aber so will, dass ich gehen soll, dann wird es gelingen. Ich wurde dadurch völlig beruhigt, und machte hinterher damit eine lebenswichtige Erfahrung. Nämlich, dass es das beste sei, sich ganz auf Gott zu verlassen, weil man dann nicht nur eine vollständige Ruhe erhält und besonnen bleibt, sondern das beste geschieht, was nur geschehen kann. So war es Gott auch möglich geworden, sein Versprechen mir gegenüber einzulösen. Doch es konnte natürlich nicht dabei bleiben, denn ich hatte hiermit den Schatz im Acker entdeckt (Matthäus 13:44).
Es kam der Tag, und ich wurde nicht aufgehalten, obwohl das kleine Neue Testament und auch mein katholisches Gebetsbuch am Flughafen bei mir gefunden wurde. Fragte man aber nicht, wozu ich diese in den nächsten zwei Tagen in München so unbedingt brauchte. Meine Sachen wurden bis ins Kleinste durchgewühlt und untersucht, man hatte meinen Taschenkalender durchgeblättert und meine Eintragungen darin gelesen, sagte und fragte der Beamte aber kein Wort, und ich konnte weitergehen.

 

In München angekommen habe ich mich entschieden, in Deutschland um Asyl zu ersuchen und nicht, wie ursprünglich geplant, nach Übersee auszuwandern.
Fußball in der Freizeit

 

Die ersten Monate in der freien Welt, in
der Zeit des Wartens auf die Entscheidung
der Behörden bezüglich des Asylantrags
Asylsuchende empfängt man wahrscheinlich nirgendwo in der Welt gern, das war in meinem Fall auch nicht anders. Aber ich war dankbar, dass ich wenigstens bleiben durfte, mit dem Lebensnotwendigen versorgt wurde und nun Aussicht auf ein sinnvolleres Leben haben konnte.

 

Bald aber handelte Gott wieder ganz konkret, und führte mich weiter. Ich stand einmal mit jungen ungarischen Kameraden in der Uni-Mensa in München herum, als zwei Jungs, ein Deutscher und ein US-Amerikaner, zu uns traten, mit Flugblättern in ihrer Hand. Sie wollten uns auf Vorträge eines Missionars in einer christlichen Gemeinde einladen. Als es sich herausgestellt hatte, dass wir Ungarn waren, sagten sie, dass auch sie einen Ungarn dabei hätten, und sie riefen ihn auch gleich zu uns. Er kam und hatte sich dort mit uns kurz unterhalten, und versprach, uns zu dolmetschen, falls wir kommen würden. Ich sagte für einen Abend zu. Das war im Februar 1982, gut vier Monate nach meiner Ankunft.
Auf dem Vortrag des amerikanischen Missionars konnte allerdings Istvan, mein neuer Bekannte, insgesamt nicht sehr viel übersetzen, so hatte ich aus dem Ganzen kaum etwas verstanden. Die christliche Gemeinde, welche es organisiert hatte, war eine charismatische. Die war für mich auch etwas ganz Neues, fand ich sie aber nicht abstoßend. Auf weitere Gottesdienste hernach wollte ich trotzdem nicht mehr kommen. Ich habe allerdings mein Neues Testament weitergelesen, und mit Istvan ab und zu zusammengekommen. Dabei unterhielten wir uns hauptsächlich über die wahre Christusnachfolge und Jüngerschaft anhand der biblischen Aussagen. Er machte den Eindruck eines echten Jüngers Jesu, hatte Bart, klare Augen, war immer ruhig, besonnen, ernst und engagiert, aber auf keine Weise aufdringlich. Er studierte noch auf der Universität Philosophie, war kaum einige Jahre älter als ich. Ich hatte viele Fragen, und er zeigte die Antworte meist in der Bibel.

 

An einem Wochenende im Mai verbrachten wir in einem zentralen Park in München fast einen ganzen Tag im Gespräch miteinander. Des Öfteren erwähnte Istvan auch früher schon die Notwendigkeit einer richtigen, biblischen Taufe, welche zur Vergebung unserer eigenen Sünden geschieht, und nicht irgendwelcher Ursünden. Er hatte auch die betreffenden Bibelstellen darüber gezeigt. Nun an diesem Tag kamen wir irgendwann wieder auf dieses Thema, und ich teilte ihm mit, dass ich getauft werden möchte. Wenn Gott es so will, dann soll es so geschehen. Ich wollte ja in Allem seinen Wille tun. Seine Güte konnte ich in den vergangenen Monaten schon reichlich erfahren, und dann durch das Lesen seines Wortes und die Gespräche darüber bereitete mich Gott schon fast unmerklich darauf vor durch seinen unsichtbaren Geist. So war es an jenem Tag für mich schon eine Selbstverständlichkeit, dass ich getauft werden möchte.
Unterwegs nach Hause hatte ich das Gefühl, eine wichtige Entscheidung getroffen zu haben, aber ich fühlte mich wohl, und war mir sicher, dass ich mich richtig entschieden hatte. Als ich mich an jenem Abend zu schlafen gelegt hatte, fiel mir auf, dass in mir eine völlige Ruhe und Stille herrschte, nicht wie gewohnt, ein inneres "Hintergrundgeräusch". Seit langen Jahren konnte ich vor Mitternacht nicht mehr einschlafen vor lauter Unruhe in mir, aber diese Unruhe war jetzt völlig weg. Es war kaum zu fassen, und ich fragte mich, wie lange es wohl so währen würde. Es fielen mir auch die bekannten Worte Jesu ein: Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht wie die Welt gibt, gebe ich euch.
Ich schlief bald ein, und auf einmal machte ich die Augen auf, und es war heller Morgen. Als wenn gar keine Nacht dazwischen gewesen wäre. So etwas erlebte ich das letzte Mal vielleicht noch als Kleinkind. Und das herrlichste war, dass in mir noch immer völliger Friede herrschte. Ich war sehr glücklich und Gott sehr sehr dankbar.

 

Istvan organisierte dann meine Taufe, welche nur in 10 Tagen während eines Mittwoch-Hauskreises stattfinden konnte. Diesen Tag erwartete ich mit einer gewissen Spannung. Ich freute mich zwar im Voraus schon auf diesen persönlichen Schritt, der mich näher zu Gott und Jesus bringen würde. Ich spürte aber auch die mit diesem Schritt verbundene Herausforderung, der ich mich damit notwendigerweise auch stellen musste.
Gleich nach der Wassertaufe hat man auch für den heiligen Geist gebeten, die Verheißung Jesu, damit er mich erfülle, und ich betete da sofort in anderen Zungen.
Bei der Arbeit

 

Bei der Arbeit an meiner Arbeitsstelle in München
Hernach hatte der Friede Christi in mir eine solche Beständigkeit, dass ich z. B. noch selbst lange Jahre danach fast jeden Morgen Gott danken musste für den ruhigen und erholsamen Schlaf, an den ich mich auch nach vielen Jahren noch nicht ganz gewöhnen konnte, so wunderbar kam es mir noch immer vor.

Ich wurde nach 8 Monaten anerkannt als Asylberechtigter, und das bedeutete, dass ich nun endgültig bleiben und arbeiten durfte. Aufgrund meines landwirtschaftlichen Ausbildungsberufes habe ich durch das Arbeitsamt eine Stelle in einer Gärtnerei erhalten, wo ich allerdings nicht als Gärtner sondern als Lagerist eingestellt wurde. Ich hatte anfangs sehr wenig verdient, nicht einmal tausend Mark pro Monat, bekam ich aber bei der Gärtnerei ein kleines Zimmer mit einer niedrigen Monatsmiete, und war mit dem Ganzen glücklich.

 

In dieser Zeit ging ich schon regelmäßig in die christliche Gemeinde, sonntags zu Gottesdienst, Mittwoch abends in Hauskreis, und auch sonst wenn es noch etwas gab, z. B. später freitags zu Gebetsstunden oder auf Straßenevangelisationen. Diese Gemeinschaft, die Christliche Gemeinde Maranatha in München, wurde kaum einige Jahre zuvor von US-Amerikanern gegründet, und war auf Studenten spezialisiert. Die Mitglieder waren so hauptsächlich, jedoch nicht ausschließlich, junge Leute, und auch nicht nur Studierende. Die Gemeinde war damals noch begeistert und dynamisch, schon nicht ganz klein, aber noch auch nicht zu groß, also noch recht familiär. Ich glaube, ich habe das Glück gehabt, mich in ihrer besten Zeit dort angeschlossen zu haben.

 

Diese ersten Jahre waren meine schönste Zeit in Deutschland. Ich machte die Erfahrung, dass nichts in der Welt einen glücklicher machen kann, als den Menschen im Geiste Gottes im Namen Jesu zu dienen. Ich wollte auch nichts anderes mehr tun, weltliche Ambitionen hatte ich keine mehr.

 

Gemeindefreizeit in den Alpen

 

Gemeindefreizeit in den Alpen

Unsere Gemeinde wurde immer größer und parallel damit vermehrten sich mit der Zeit auch die Probleme. Der Feind findet die schwächsten Stellen überall, nicht umsonst werden wir aufgefordert, die Worte Gottes immer im Auge zu behalten und von seinen Anweisungen weder links noch rechts abzuweichen.
Die Gemeinschaft wurde wegen ihrer vermeintlichen Trägheit durch die Pastoren zu viel gegeißelt, zu hart zu immer weiteren Evangelisationsleistungen getrieben, weil das so der Wille Gottes sei, denn wie viele müssten noch gerettet werden. Die Geschwister hatten immer mehr Schwierigkeiten mit sich selbst, was aber nur die stetig allgemeiner werdende Heuchelei gefördert hat, die Echtheit, die Begeisterung, die Liebe gingen allmählich verloren und kamen immer mehr Zweifel auf. Gerade solche, wie ich auch war, die mit ganzem Herzen und ganzer Seele mit dabei waren, ertrugen die Lasten der erdrückenden Verdammnisgefühle schwer. Mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht sagt Jesus, aber ich hatte eher das Gegenteil erfahren, also etwas konnte nicht stimmen.

 

Nach zwei und halb Jahren blieb ich schließlich endgültig aus, als ich bereits innerlich ziemlich zerrissen und verwirrt war. Die ganze Situation in der Gemeinde schadete schon mehr dem Glauben, als was sie genutzt hat. Ich konnte es mir nicht leisten, dass mein Gottvertrauen völlig zerstört werde, worauf ich ganz gestützt war. Ich stand ja allein da in einem fremden Land, wo ich auch in der Arbeit tagtäglich gefordert wurde. Als ein Christ, der in seiner weltlichen Umgebung seinem himmlischen Herrn keine Schande bringen wollte, konnte ich ohne gesunden Glauben und Gottvertrauen nicht bestehen.
Ich versuchte in eine andere Gemeinde zu gehen, die größer war, aber die Lehre besonnener, doch ich fühlte mich in der großen Menschenmenge derart einsam, dass es erträglicher war, wenn ich lieber zu Hause blieb. Ich hatte damals schon fast die ganze Bibel auch auf Kassetten gehabt, die ich regelmäßig hörte, anstatt Predigten zu hören, da es mich nur noch nach reinem Wasser gedürstet hat. Es hat viel gebracht, hat es aber eine Weile gedauert, bis ich die Ordnung in mir auch nur einigermaßen wiederherstellen konnte.

 

Inzwischen wollte ich sowohl Arbeitsstelle als auch Wohnstätte wechseln, in einer anderen Stadt neue Möglichkeiten haben, und ich suchte danach, wohin ich gehen sollte. Es hat mich Stuttgart angezogen, und ich versuchte dann dorthin zu gelangen. Dort kannte ich bereits eine ungarische Schriftenmission, welche aber der charismatischen Lehre gegenüber ablehnend war, und ich wollte zu ihnen ursprünglich keinen engeren Kontakt haben. Gott hatte es aber so gefügt, dass ich trotzdem noch im selben Jahr durch ihre bereitwillige Hilfe nach Stuttgart umgezogen war. Dort bekam ich wieder eine Stelle als Lagerarbeiter, diese Arbeit war jedoch sauberer und körperlich leichter, und auch noch besser bezahlt. Wohnen konnte ich vorerst bei einem Mitglied der Gemeinde der Missionsmitarbeiter als Untermieter. Auf diese Weise gelangte ich auf einmal in die Lage, auch nichtcharismatische Christen von nächster Nähe kennen lernen zu können. Ich wusste mich vollständig in dem Plan Gottes und hatte reichlich Grund, ihm wieder sehr dankbar zu sein.

 

In meiner Freizeit half ich bei der Schriftenmission mit, und sonntäglich ging ich in ihre Gemeinde.
Ich war glücklich, wieder innerhalb einer brüderlichen Gemeinschaft zu sein, und in der ersten Zeit fand ich die ruhigeren Gottesdienste angenehm, wenn auch bisschen trocken. Doch es lief immer alles in dem selben Gleichmut lustlos ab, und in persönlichen Gesprächen kam Jesus und seine Sache eigentlich kaum vor, von Begeisterung über ihn mal gar nicht zu sprechen. Ich habe versucht ihre Einstellung und Argumente nachzuvollziehen, und suchte meine Aufgabe in dieser Situation.
Bei der Ungarischen Schriftenmission arbeitete man ständig an Buchausgaben, die vorwiegend aus Deutsch übersetzt wurden, gab man ein Monatsblatt heraus, und stellte Pakete mit Bibeln, Büchern und Traktaten zusammen, die nach Ungarn und in von Ungarn bewohnte Gebiete um Ungarn herum geschickt wurden. Es war natürlich interessant, an dieser Arbeit teilzunehmen, doch ich war nicht mit allen Schriften einverstanden, und das hat meine Begeisterung gedämpft.

 

Buchmesse Frankfurt

 

Mit den Mitarbeitern der Schriftenmission auf der Buchmesse
in Frankfurt a. M. in 1988
Einmal zeigte mir einer von den Missionsmitarbeitern seine ungarische Bibel, eine heutige reformierte Übersetzung, die mit Bleistift durch und durch korrigiert war, und sagte zu mir, dass auch meine Bibel bald so aussehen sollte. Die Sache mit den sehr ungenauen Übersetzungen habe ich auch selber schon gekannt, und ich fragte ihn, warum denn sie dort nicht eine Bibel mit einem korrekten Text herausgeben? Er hatte bloß die Achsel gezuckt und sich auf Geldmangel berufen. In ihren Ausgaben hatten auch sie schon oft anstatt der gängigen Bibeltexte derer korrigierte Formen verwendet.

 

In dieser Zeit war es auch geschehen, dass in Ungarn die älteste Bibelübersetzung neu aufgelegt wurde, zum vierhundertjährigen Jubiläum der Originalausgabe, die in einigen Jahren, in 1989 fällig gewesen wäre. Es wurde jedoch ihre letzte, schon damals hundertjährige Revision wieder gedruckt, und auf die Frage der Missionsmitarbeiter, warum man den alten Text so belassen hatte und nichts korrigiert, soll ein Zuständiger geantwortet haben, dass man nicht gewusst hatte, wie weit man den Text hätte abändern dürfen. Als ich davon gehört habe, sagte ich: "So kann es nicht weitergehen! Ich werde schon wissen, wie weit ich diesen Text abändern darf, wenn Alle derart ohnmächtig seien."

 

Ich lektorierte, während ich dort mitgewirkt hatte, ein Buch vollständig durch, das Buch von R. Brockhaus: Gedanken über den Brief an die Römer. Ein weiteres Buch, das man mit mir machen lassen wollte, behauptete aber, die charismatische Bewegung stamme komplett vom Satan, und die Abbildung auf der Buchhülle verglich sie mit dreckigen Wasserfluten. Da kam der Punkt, wo ich sagte, dass ich es nicht mehr weiter mitmache.

 

Was ich in dieser Gemeinschaft sehr vermisst hatte, war die Bereitschaft zu aufrichtigen Diskussionen. Die Sache der Wahrheit und der Errettung hätte nach meiner Auffassung viel mehr Aufmerksamkeit und Engagement verdient, da auch die Verantwortung groß ist. Ich wurde in meiner Überzeugung gestärkt, dass die Charismatiker, trotz der erlebten oder bekannten Missstände bei ihnen, der Wahrheit näher seien. Entsprechend tiefer greifend und erschütternder ist es auch, wenn sie Fehler machen. Demgegenüber nützt die beste Theorie und Absicht nichts, wenn man den geistlichen Kampf aus eigener, menschlicher Kraft ausfechten will. Sowohl nach meinen eigenen Erfahrungen, als auch aufgrund der Schrift war ich überzeugt, dass um für Jesus ein wahrer und glaubwürdiger Zeuge zu sein, wir offensichtlich die selben himmlischen Kraft und Fähigkeiten brauchten, welche auch die ersten Jünger hatten. Es liegt im Interesse von uns allen, die biblischen Wahrheiten am gründlichsten zu berücksichtigen, und den Ermahnungen Jesu und seiner ersten Jünger zu gehorchen.
Ich erlebte vormals in München in der Gemeinde auch eine sehr schöne Zeit, als es war, als wäre man in der Urgemeinde. Man ging mittwochs oder freitags nach der Arbeit müde in Haus- bzw. Gebetskreis, und kam gegen elf erquickt, fröhlich, frisch und begeistert nach Hause. Es gab Weissagungen, die echt und erbaulich waren, wie auch echte Heilungen. Das Evangelisieren war immer ein Abenteuer, wobei Gottes Wirken erlebt werden konnte. Damals gab es aber noch keinerlei extreme Erscheinungen dort, sie kamen erst später langsam herein.
So konnte ich mich hernach nicht mit etwas Wenigerem mehr abfinden, da ich wusste, dass es auch richtig funktionieren kann, und nur so macht es wirklich einen Sinn und kann es auch verantwortet werden.

 

Mit der Zeit zog ich mich dann nach und nach zurück aus der Gemeinde, als es klar wurde, dass weder sie mir helfen konnten, noch ich ihnen. Ich dachte, ich kenne schon meine Aufgabe. Ich habe damals wirklich bereits vorgehabt, jene schönste, alte ungarische Bibelübersetzung, die auch heute noch am meisten benutzt wird, einfach in die heutige ungarische Sprache umzuschreiben und die bekannten, gröbsten Ungenauigkeiten mithilfe hauptsächlich deutscher Übersetzungen zu berichtigen.
In Stuttgart mit den Eltern

 

In der Zeit der Glasnost von Gorbatschow konnten meine Eltern
mich in Stuttgart schon besuchen
Allein dadurch hätte man schon einen viel besseren Text erhalten können, als die vorhandenen waren. Ich war der Meinung, diese Arbeit in einigen Monaten fertig stellen zu können, und habe sie mit dem Neuen Testament dann bald auch angefangen. Ich schrieb meinen Text in Schulhefte per Hand.
In der Wohnung dort konnte ich aber nicht länger bleiben, so musste ich mir eine andere suchen. Mit meinem Umzug fand nun auch dieser Abschnitt der göttlichen Ausbildung sein Ende. Ich konnte wieder die Lehren ziehen und weitergehen, wieder ziemlich angeschlagen, aber mit wertvollen Erfahrungen, und in der Kenntnis meiner vorläufigen Aufgabe.

Als ich mich endlich in meiner Wohnung in Stuttgart Mitte eingerichtet hatte, machte ich meine Bibelarbeit weiter, und stellte mich auf das geistliche Überleben allein ein. Hierbei spielten die Kassetten mit der Luther-Bibel wieder eine große Rolle. Eigentlich versuchte ich noch in München jenen alten ungarischen Bibeltext auf Kassette zu sprechen, doch er klang viel zu altmodisch. Meinen neuen Text plante ich aber schon von Anfang an auch auf Kassette zu sprechen, das war letztlich einer der Gründe meines Revisionsarbeit-Vorhabens.

 

Wenn man anfängt in der Bibel etwas tiefer nachzuforschen, dann kommen immer mehr interessante Sachen hervor. Bald sah ich ein, dass das Ganze nur wirklich einen Sinn hat, wenn ich alles genauer erforsche und eine gründlichere Arbeit mache. Ich hatte eine große Lust, das zu tun, denn ich sah, dass es sich mit den vielen Hilfsmitteln, wie Wörterbücher, Konkordanzen und zahlreiche andere Übersetzungen, ausgezeichnet machen lässt, auch wenn man die Originalsprachen nicht studiert hatte. Der rein wissenschaftliche Teil einer solchen Arbeit liegt ja bereits in aller Gründlichkeit vor. Nicht weniger wichtig ist jedoch auch den Geist zu haben, der den ursprünglichen Text inspiriert hatte, und auf ihn hören zu können, das aber nur durch ein konsequentes Leben in Christus möglich ist (Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.). Einen Versuch wert war diese Arbeit für mich allemal, denn auf andere zu warten hätte keinen Sinn gehabt.
Ich hatte zu jener Zeit bereits die feste Überzeugung, dass zuallererst das Fundament richtig gelegt werden muss, erst dann kann man weiter bauen, d. h. evangelisieren. Weder ich selbst wollte schließlich irregeführt werden, noch wollte ich andere irreführen.

 

Abladen in Calw

 

Meine letzte Arbeitsstelle in Deutschland war die Firma Benz & Söhne,
hier lade ich in Calw ab
Während ich in Stuttgart gelebt hatte, versuchte ich mit der Zeit dann wieder eine Gemeinschaft zu finden, die eventuell mein geistliches Zuhause hätte sein können. Ich war mittlerweile zwangsläufig vorsichtiger geworden, wollte aber die Hoffnung nicht aufgeben. Ich konnte mich aber in meiner Umgebung am Ende nirgendwo anschließen, aber auch Gott wollte offensichtlich nicht, dass ich dort irgendwo feststecke. Es war allmählich die Zeit der großen politischen Umwälzungen. 1989 konnte ich das erste Mal nach Hause fahren.

 

In meinen letzten Jahren in Stuttgart arbeitete ich schon als LKW-Fahrer. Ich kaufte mir einen Commodore 64 Computer und wechselte mit meiner Bibelarbeit darauf um. Da kam ich mit ihr noch so weit, dass ich das Neue Testament zur Hälfte, also bis ca. Mitte der Apostelgeschichte, aus der alten Übersetzung in den Computer hineingeschrieben hatte.
Im März 1992 zog ich schließlich endgültig nach Hause, in meine Geburtsstadt Nagykanizsa.

Auch in Ungarn sehnte ich mich sehr nach einer christlichen Gemeinschaft, aber die diesbezügliche Lage war da wesentlich niederschmetternder, als erhofft. Ich machte einige Bekanntschaften, ganz allein war ich schließlich nicht geblieben, aber es war niemand da, mit dem man hätte in diesem Dienst auf irgendeine Weise rechnen können.
In den ersten Jahren konnte ich trotzdem in meiner Bibelarbeit bedeutende Fortschritte erzielen. Was ich ursprünglich geplant hatte, konnte ich in dieser Zeit fertig stellen. Sowohl das Neue als auch das Alte Testament erstellte ich schließlich in der heutigen Sprache mit einigen wenigen Korrekturen.
Zu Hause mit dem Commodore 64

 

Im ersten Jahr zu Hause in Ungarn, mit dem Commodore 64
Nach der Fertigstellung dieses Rohtextes machte ich mich daran, Bibelverse aus ihm nach den griechischen Wörtern der bis dahin zusammengestellten Synonymengruppen aufzulisten. So konnte man die verschiedenen Übersetzungen eines einzigen griechischen Wortes in dem Kontext leicht miteinander vergleichen, und dann versuchen, die bestmögliche Entsprechung zu finden und sie überall hineinzupassen.

 

Ich hatte dann später einen 386er PC, und musste mich nach und nach auch in die Informatik immer intensiver hineinarbeiten. Ich hatte nun vor, den ganzen Text, beginnend mit dem Neuen Testament, gründlicher als ursprünglich geplant, durchzuarbeiten, und wollte dazu zuerst ein auf dem griechischen Wortschatz basierendes Wörterbuch zusammenstellen.
Das Ganze kostete nicht nur viel Zeit sondern auch immer viel Geld. Solange ich es hatte, spielte es keine Rolle, denn die Arbeit selbst interessierte mich weiterhin sehr und hatte auch seine Aktualität nicht verloren. Mit der Zeit war ich aber immer mehr genötigt, andere Arbeiten nebenbei anzunehmen um Geld zu verdienen, hauptsächlich Übersetzungs- und Dolmetscherarbeiten.

 

Ich kam aber inzwischen mit meiner Bibelarbeit trotzdem so weit, dass ich das geplante griechisch-ungarisch-deutsche Wörterbuch (Wortschatz des NT und AT [Septuaginta]) mit einem Datenbankprogramm zusammenstellen konnte, verknüpft mit den griechischen Urtexten, verschiedenen Übersetzungen und mit meinem eigenen Rohtext, damit es auch als eine Konkordanz funktionieren konnte. Anfang 2002 war es so weit, dass ich die Analyse der einzelnen griechischen Wörter in ihren Kontexten anfangen konnte, doch ich wollte es möglichst endlich ohne Pausen bewerkstelligen.

 

In dieser Zeit hatte ich bereits Internet-Verbindung, und ich gelangte zu der Erkenntnis, dass es auch für meine Bibelarbeit eine Chance bedeuten könnte. Es war schon seit den Anfangszeiten so, dass unter den Christen neben geistlichen auch materielle Güter verteilt werden mussten, je nach Bedarf, und dazu ist das Internet wirklich etwas Vorzügliches.
Ich dachte schon damals an das Zusammenstellen einer Homepage, war aber noch ein Internet-Neuling. So startete ich im Januar 2002 vorerst eine internationale E-Mail-Aktion und schrieb 2 Monate lang christliche Gemeinden in westlichen Ländern an. Zuerst nur einzeln und persönlich, mich selbst, meine Arbeit und meine Ziele genau vorgestellt, mit Angabe meiner Wohnadresse und Telefonnummer. Zum Schluss wohl schon etwas spamartig. Ich bat lediglich um eine einmalige, kleine Spende, und dachte, so viel wird eine ganze christliche Gemeinschaft schon für die Sache der lebensrettenden biblischen Wahrheiten riskieren können, auch wenn ich ihrer Kirche nicht angehöre. Sogar mit Freude, dass sie in einem unlängst befreiten, mental auf dem Boden liegenden Land eine christliche Aktivität unterstützen können. Zu verlieren haben sie ja nichts, wenn sie im guten Glauben handeln, das auch vorauszusetzen war (Jesus ruft doch dazu auf, denn nur Gott kann den vollständigen Überblick haben, von Menschen ist es auch nicht erwartet), aber man konnte mich auch kontrollieren, wie ein einziger es auch getan hatte. Mir hätte es damals für das Leben gereicht, wenn monatlich wenigstens 20 Gemeinden je 10 DM (5 Euro) geschickt hätten. Ich dachte, damit würde ich nicht zu viel verlangen, und war mir sicher, dass es an dem Geld gar nicht liegen wird. Ich hatte angenommen, dass Leute und Gemeinschaften, welche sich ins Internet hinaussetzen mit dem Etikett: Christ, werden schon bereit sein, auch für den weltweiten christlichen Dienst etwas zu leisten, und in einem solchen Fall, wie der meine, wenigstens prüfen, ob sie da nicht vom Herrn eine Aufgabe hätten, wenn sie schon gebeten werden.
Hochzeit in 2002

 

Es war Zeit, mir Stärkung zu holen
Die allermeisten kamen jedoch so weit offensichtlich gar nicht. Weniger als 1 Prozent hatte überhaupt irgendwie reagiert, ein Schweizer Pastor sogar mit Spott: Solche, wie ich, wollten nur die Dollars. Obwohl diese Aktion nicht ganz fruchtlos war, scheiterte sie doch, und ich musste schließlich einsehen, dass es so nicht funktionieren wird. Dieses Ergebnis, das fast vollständige Desinteresse, hat mich schockiert, während dessen doch weltweit das dynamische Vordringen finsterer und zerstörerischer Kräfte beobachtet werden konnte (auch gerade in Ungarn wieder). Ich kam mir vor, als ein Knecht des Herrn des Weinbergs im Gleichnis Jesu, welchen die Weingärtner geschmäht, verwundet, und aus dem Weinberg mit leeren Händen hinausgeworfen hatten, als er im Auftrag seines Herrn von ihnen aus den Früchten des Weinbergs etwas übernehmen wollte (Lukas 20:9-16).

 

Ich hatte dann im Juli 2002 mit 45 geheiratet, verkaufte meine Wohnung in der Stadt und kaufte mit meiner Frau nun ein Haus in einem Dorf in der nordöstlichen Bergregion. Meine Frau war noch eine Kollegin von mir in Budapest und bekehrte sich zum Herrn ungefähr in der selben Zeit, als ich, sie jedoch zu Hause. Wir nahmen schon Kontakt auf, als ich noch in Deutschland lebte.
Damit begann natürlich wieder eine grundsätzlich neue Phase. Endlich eine Phase der Zweisamkeit statt der Einsamkeit für uns beide.

 


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Veröffentlicht am 6. Januar 2010  •  Zuletzt geändert am 14. Februar 2012